20-1999

Wissenszirkulation zwischen Deutschland und Brasilien: die Rezeption Rudolf von Jherings und Ernst Haeckels durch Tobias Barreto und Sílvio Romero

Circulação de conhecimento entre a Alemanha e o Brasil: a recepção de Rudolf Jhering e Ernst Haeckel por Tobias Barreto e Sílvio Romero

Ricardo Gaulia Borrmann(1); Thaís Janaina Wenczenovicz(2)

1 Cientista Político e Historiador, doutor em história cultural pela Universidade de Munique (2017). Pesquisador associado do Laboratório Cidade e Poder (Instituto de História/UFF) desde 2009.
E-mail: rcbornnmann@gmail.com

2 Docente Adjunta e pesquisador sênior na Universidade estadual do Rio Grande do Sul/UERGS. Docente colaboradora no Programa de Pós-graduação em Educação na Universidade Estadual do Paraná/UNIOESTE. Avaliadora INEP/MEC. Membro Titular UNESCO Gender.
E-mail: t.wencze@terra.com.br

Präambel

Deutschsprachiges Rechtsdenken war in Brasilien immer Objekt einer gewissen Faszination. Diese Faszination machte sich vor allem im Rechtsdenken bemerkbar. Sie geht soweit, dass kein angesehener Jurist in Brasilien zugeben darf, sich nicht in irgendeiner Form mit der deutschsprachigen Rechtstradition beschäftigt zu haben oder mit ihr nicht mehr oder minder vertraut zu sein. So kam es zur Entstehung gewisser Mythen innerhalb der brasilianischen Rechtsgeschichte, die das deutschsprachige Rechtsdenken betreffen.

Deutschsprachige Autoren zu zitieren wurde zu einem Muss in der brasilianischen Rechtstradition und der Einfluss deutschsprachiger juristischer Werke auf brasilianische Rechtswissenschaftler wird immer wieder betont.1 Viele Juristen berufen sich auf ihre Vertrautheit mit deutschsprachigen Rechtsgelehrte und ihre tiefgehenden Kenntnisse ihrer Werke, greifen aber für das Studium derselben in der Tat auf französische, spanische oder – in den letzten Jahren immer häufiger – auf englischsprachige Übersetzungen oder Kommentare zurück.

Wo liegen aber die Wurzeln der Rezeption deutschsprachiges Gedankengut in Brasilien? Wann wurden deutschsprachige Autoren erstmals intensiv rezipiert und zum Bestandteil des brasilianischen Repertoires? Welche waren die Hauptakteure bei diesem Rezeptionsprozess? Im welchen kulturpolitischen Kontext erfolgte diese Aufnahme und durch welche Quellen? Das sind die Hauptfragen dieser Aufsatz. Sein Fokus ist somit die transatlantische Wissenszirkulation durch die Beispiele der Rezeption Rudolf von Jherings (1818-1892) und Ernst Haeckels (1834-1919) Ideen im 19. Jahrhundert Brasiliens. Zwei wichtige Akteure in dieser Konstellation waren die Intellektuellen und Juristen Tobias Barretos (1839-1889) und Sílvio Romero (1851-1914).

Resumo

Este trabalho analisa a cultura política alemã em suas relações com a cultura política brasileira, apartir um enfoque da história cultural (e das ideias), com base nos processos de circulação de ideias e apropriação cultural de dois autores: Rudolf von Jhering, Ernst Haeckel por Tobias Barreto e Sílvio Romero. A recepção no Brasil destes autores é verificada a partir dos intelectuais do campo jurídico no Brasil: Clóvis Bevilaqua e Silvio Romero, bem como das discussões em torno da Constituição brasileira de 1934. Para tanto, utiliza-se das mediações e interrelações culturais presentes nesse processo, bem como no campo das ideias onde o processo é mediado pela tradução e apropriação de múltiplas culturas políticas. O procediemento metodológico utilizado é o bibliográfico-investigativo – com uso de fontes disponibilizadas no estudo baseia-se em acervos bibliográficos da Sessão de Obras Raras da Biblioteca Nacional do Rio de Janeiro e da Biblioteca do Tribunal de Justiça do Estado do Rio de Janeiro (TJRJ) e arquivos alemães.

Palavras-chave: Alemanha; Brasil; circulação de conhecimento; Rudolf Jhering; Ernst Haeckel; Tobias Barreto; Sílvio Romero

1 Hintergrund

In Brasilien erfuhren deutschsprachige Wissenschaftler zunächst im letzten Quartal des 19. Jahrhundert eine konsequente Rezeption.2 Mit „konsequent” wird es hier gemeint, dass solche Wissenschaftler nun zum Bestandteil des brasilianischen intellektuellen Repertoires wurden. D. h. allerdings nicht, dass deutschsprachige Denker vorher nicht wahrgenommen wurden, sondern dass sie bis dahin meistens durch die Mediation von französischen Quellen bekannt waren.3

Diese ursprüngliche Rezeption deutschsprachigen Gedankenguts war aber kein landesweites Phänomen. Es startete aus einer bestimmten Region aus – die Stadt Recife im Nordosten – und beschränkte sich zunächst auf eine besondere Gruppe von Intellektuellen: Diese hatte ihre Ausbildung zwischen den Jahren 1865 und 1875 in der berühmten Rechtsfakultät von Recife – eines der Beiden, die es im Lande seit 1827 gab. Später wurde diese Gruppe für eine Zäsur in der brasilianischen Hochkultur durch ihre Innovationen, insbesondere im Rechtsdenken, als „Recife Schule” in den Geschichtsbüchern eintreten.

Die führenden Köpfe dieser Bewegung waren Tobias Barreto und Sílvio Romero. Sie waren dafür bekannt, dass sie sich bewusst für den Einfluss der deutschsprachige wissenschaftliche Kultur öffneten und diese auch als „Programm” ihres Schaffens als Intellektuelle verbreiteten, dies in einem von der französischen Kulturrezeption dominierten Land. Diese Attitüde sorgte für Furore im intellektuellen Brasilien und kann nicht von ihrer kulturpolitisch beladene Botschaft getrennt werden.

Zu den von Barreto und Romero am häufigsten zitierten deutschsprachigen Wissenschaftler und Akademiker zählen hauptsächlich der Rechtswissenschaftler Rudolf von Jhering und der Zoologe Ernst Haeckel. Der Erste wird häufig mit seiner Interessenjurisprudenz als einer der Väter der Rechtssoziologie beschrieben und war damit eines der bedeutsamen Juristen des 19. Jahrhunderts. Der Zweite hingegen gilt als prominentester deutscher Darwinist und damit größter Verfechter Darwins Evolutionslehre im deutschsprachigen Raum.4

2 Forschungsstand und–lücke

Wegen ihrer bahnbrechenden Erkenntnisse wurden Jherings und Haeckels Beiträge für ihrer jeweiligen Disziplinen – Rechtstheorie und Zoologie respektive – reichlich erforscht. Dennoch bekamen sie seitens der Kulturgeschichte und außerhalb von Fachspezialisten-Kreisen keine große Aufmerksamkeit. Vor allem aus dem Blickwinkel ihrer Rezeption in Südamerika bzw. in Brasilien zeigt sich die Fachliteratur äußerst schwach und lückenhaft. Es mangelt darin eine umfassende Arbeit über ihre ursprüngliche Rezeption dort.

Auf der anderen Seite des Atlantiks hingegen wurde mehrheitlich Barretos und Romeros Denken bis jetzt von der ideengeschichtlichen Literatur aus der 40er und 50er Jahren mehrheitlich durch Begriffe interpretiert, die von der europäischen philosophiegeschichtlichen Debatte aus dem 19. Jahrhundert stammten. So wurde ihr Werk in Schubladen-Kategorien, wie etwa „Positivismus”, „Eklektizismus”, „Materialismus”, „Evolutionismus”, „Darwinismus”, „Neokantismus” usw., eingestuft. Weiterhin wurde ihr Werdegang positivistisch innerhalb einer vermeintlichen „philosophischen Evolution” eingeordnet und ihre Rezeption als reiner „Import von Ideen” (importação de ideias) aus dem Ausland bewertet.5 Der Kontext, in dem sie schrieben und sich betätigten, sowie die intellektuelle Auseinandersetzungen, an denen sie beteiligt waren, bekamen weniger Aufmerksamkeit.6 Eine Analyse ihres Werks durch den Blickwinkel ihrer Lesequellen und der Rezeption deutschsprachiger Autoren blieb unbetretenes Terrain.

In der europäischen Bibliographie wird „Rezeption” seinerseits oft als ein einseitiger „Transfer” oder „Einfluss” von Ideen aus Europa wahrgenommen. Zu wenig Aufmerksamkeit wurde der Gegenseitigkeit dieses Prozesses bis jetzt gewidmet. Der eurozentrische Inhalt ist in dieser Hinblick offensichtlich und verstärkt alte Vorstellungen eines „zivilisierenden Europas” in den kulturpolitischen Verhältnissen. Solche Vorstellungen untermauern noch festverankerte Teilungen zwischen „Zentrum” und „Peripherie”, während die Kulturgeschichte sich mit der Prozessualität, Verflechtungen und Zirkulation bei kulturellen Kontexten befassen sollte. Deswegen plädiert diese Arbeit für eine „Wissenszirkulation” zwischen Europa und Südamerika angesichts der Analyse des Falls Jherings und Haeckels Rezeption in Brasilien. Dieses Beispiel ist von gegenseitigen Einflüssen, Austauschprozessen, Aneignungen und politischen Instrumentalisierungen geprägt. Jedoch schließt es keineswegs heterogene Machtverhältnisse aus.

2.1 Struktur der Darstellung

Dieser Aufsatz beträgt 3 Hauptteilen. Zunächst wird ein Überblick in die Kulturgeschichte Brasiliens im 19. Jahrhundert dargestellt. Somit ist es beabsichtigt, den kulturpolitischen Kontext und intellektuellen Background des Landes zu beleuchten, in denen deutschsprachige Wissenschaftler zunächst rezipiert wurden. In diesem Teil wird es auf die „portugiesische Kolonialerbe” (herança ibérica7) und die Bedeutung der Rechtsfakultäten für die brasilianische Politik und Hochkultur erklärt.8

Der Kern dieser Aufsatz ist die Aufarbeitung der Rezeption Rudolf von Jherings und Ernst Haeckels durch Tobias Barreto und Sílvio Romero anhand einer mikrohistorischen und textinterpretativen Analyse ihrer Texte und Lesequellen.

Zeitschriften und Erstausgaben wurden bei dieser Recherche oft auch verwendet. Im letzten Teil werden auf die Korrespondenzen-Netzwerke von Barreto und Haeckel, sowie Jherings familiäre Verbindungen zu Brasilien Aufmerksam gemacht. Hier standen Briefe, sowohl bereits veröffentlichte als auch unveröffentlichte, im Mittelpunkt der Quellenanalyse.

3 Das intellektuelle Brasilien des 19. Jahrhundert: portugiesischer Kolonialerbe und die Rolle der Rechtsfakultäten

Das 19. Jahrhundert war in Brasilien von der dominierenden Rolle der beiden Rechtsfakultäten des Landes in São Paulo und in Recife geprägt. Diese monopolisierten den ganzen Bereich der formellen Ausbildung in den Geisteswissenschaften bis weit ins 19. Jahrhundert hinein.9 Zudem erhielt fast die gesamte politische Elite des Zweiten Kaiserreichs von Pedro II. dort ihre Diplome.10 Daraus erklärt sich auch die besondere politische Rolle der Jura-Bakkalaureus, die sogenannten bachareis. Ihr „Titel” war von der fachlichen Kompetenz hinweg, stark mit sozialem Prestige verbunden, und bedeutete auch eine Chance des sozialen Aufstiegs.11

Die Rechtsfakultäten hatten ihr klares Vorbild in der berühmten portugiesischen Universität von Coimbra. Diese erlebte unter dem mächtigen Staatsminister Marques de Pombal 1772 grundlegende Reformen, die die Bildungslandschaft in der portugiesischsprachigen Welt nachhaltig prägten. Diese Reformen sollten Portugal anhand einer pragmatischen Aufnahme von Innovationen innerhalb einer staatszentralistischen und absolutistischen Hülle in die Moderne bringen und damit das Land von der alten Scholastik der jesuitischen Seminare befreien.12 Diese Mischung zwischen einer pragmatischen Aufnahme von Innovationen, gepaart mit einem Absolutismus von aufgeklärter Couleur, machte die Besonderheit der portugiesischen Form von „Aufklärung” aus.13 Die Reformen konnten aber die jahrhundertelange religiöse Prägung nicht so einfach ausradieren: Gehorsamkeit und Absolutismus innerhalb einer frommen Gesellschaft blieben erhalten.

Der Einfluss der Universität von Coimbra in Brasilien war unübersehbar. Sie lieferte dem Land die nötigen Führungsköpfe, die es in die Unabhängigkeit führte. Weiterhin kam die ganze erste Generation von Professoren der beiden brasilianischen Rechtsfakultäten aus ihren Reihen.14 Mit ihrem rhetorischen Stil gepaart mit der naturrechtlichen Tradition und mit den scholastischen-thomistischen Vorstellungen prägte die juristische Ausbildung in Coimbra die brasilianische Rechtskultur nachhaltig. Zudem wurde die Zirkulation von Büchern und Ideen in die Kolonie durch eine mächtige Zensurbehörde15 unter staatlicher Aufsicht, stark kontrolliert. Die radikalsten Formen von Liberalismus und Laizismus wurden somit von der Kolonie fern gehalten. Dies verhinderte aber nicht, dass sich die Kolonialeliten durch ihrer Unabhängigkeitsansprüche mit den Idealen der französischen Revolution identifizierten. Liberalismus bewies sich in Zeiten der Unabhängigkeit als ein brauchbares Werkzeug für die Kolonialherren, die sich von Portugal lösen wollte.16 Dieser Freiheit war in einer von Sklaverei und Patrimonialismus geprägten Gesellschaft nie für alle gemeint, insbesondere nicht für die schwarzhäutige Bevölkerung, die immer noch als Wahre behandelt wurde.17

Nach jahrelanger relativer Stabilität unter Kaiser Pedro II. geriet Brasilien nach dem Paraguay-Krieg 1870 in eine tiefe politische und institutionell Krise, die letztendlich zur Ausrufung der Republik 1889 führen sollte. Neue Akteure kamen nun auf die Bühne, die traditionellen Parteien splitteten sich, Republikaner erhoben ihre Stimme immer lauter, Staat und Kirche gerieten in tiefe Spaltung18, die Sklaverei wurde immer mehr von den Abolitionisten in Frage gestellt und das Wirtschaftszentrum zog von den alten Zuckerrohrplantagen in Nordosten zu den moderneren Kaffee-Plantagen im Südosten des Landes.19 Diese Krisen-Stimmung setzte sich auch in der Kultur durch: Intellektuelle, Akademiker, Schriftsteller und Künstler öffneten sich für neue Ideen und Impulse aus der Zeit.20 In der internationalen Arena tauchten neue Nationen auf, die die alte politische Machtkonstellation in Europa ins Schwanken brachten.21 Es war gerade in dieser Zeit von Unruhen, dass Barreto und Romero aus der Rechtsfakultät von Recife kamen und sich als Intellektuellen im Journalismus zu engagieren anfingen.

3.1 Die Rezeption Rudolf von Jherings und Ernst Haeckel durch Tobias Barreto und Sílvio Romero

Tobias Barreto kam aus bescheidenen familiären Verhältnissen und wuchs in einem kleinen Dorf im Hinterland Brasiliens auf. Als Mulatte ohne jeglichen familiären Hintergrund erkämpfte er sich seinen Weg durch seine Ausbildung im äußerst elitären Bildungssystem Brasiliens. Trotz seines Jura-Diploms wurde er wegen seiner Hautfarbe und der Abwesenheit von guten Familienbeziehungen von den Eliten nie akzeptiert. Weiterhin war er von einem hinterfragenden Charakter, der sich in dem Radikalismus seines liberalen Gedankenguts, Antiklerikalismus und in fortschrittlichen Vorstellungen, äußerte. 1882 wurde er schließlich zum Professor der Rechtsfakultät von Recife und konnte somit eine ganze Generation von neuen Juristen beeinflussen.22

Die Analyse der Schriften und Lesequellen Barretos zeigte, dass er sich – wie jeder Jurist seiner Zeit – zunächst über die Debatten im Ausland grundsätzlich über die französischen Zeitschriften und Bücher informierte.23 Über ihre Seiten gelangte Barreto zu ersten Kontakten mit deutschsprachigem Gedankengut. Darüber wurde in den französischen Medien, trotz wachsender politischer Rivalität zwischen Frankreich und Deutschland, reichlich berichtet.24

Bald aber unternahm Barreto einen gewagten Schritt, der sein intellektuelles Leben kennzeichnen sollte: Als Sprachbegabter und Autodiktat entschied er sich, die deutsche Sprache zu lernen. Das war ein absolutes Novum in der brasilianischen (Hoch)Kultur, weil es ihm erlaubte, die französische kulturelle Mediation umzugehen und sich die deutschsprachigen Wissenschaftler in ihrer originalen Sprache anzueignen. Hier bedeuteten die frühen Lektüren von deutschsprachigen jüdisch-liberalen Autoren seinen Einstieg in die deutsche Sprache und Kultur.25 Dadurch wurde er für die Problematik des wachsenden Antisemitismus und Rassendeterminismus sensibilisiert. Zudem war er selber ein Mulatte in einer stark hierarchisierten Gesellschaft. Im Gegensatz zu seinem Freund und Mitstreiter Romero, wurde Barreto gerade wegen dieser Einfluss der deutsch-jüdischen Kultur Rassendeterminismus sowie jeder Form von Determinismus in seinem Werk nie in Kauf nehmen. Er stellte sich dem Antisemitismus, der sich damals in Europa verbreitete, entscheidend entgegen.26

Zu den meistgelesenen und -zitierten deutschsprachigen Autoren im Werk Barretos zählen die deutschen Akademiker und Wissenschaftler Rudolf von Jhering und Ernst Haeckel. Diese beiden Autoren dienten in den Händen Barretos in erster Linie als Gegensatz zum portugiesischen Kolonialerbe, der die brasilianische Rechtskultur mit seiner Rhetorik, Naturrecht und Scholastik prägte. Durch seine Rezeption diese deutschsprachigen Autoren unternahm er den ersten konsequenten Versuch, dem brasilianischen Rechtsdenken auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen. Dafür stützte er sich grundsätzlich auf die Evolutionsgedanken Haeckels sowie auf die praktisch-soziologische Jurisprudenz Jherings, um sich von Bibel, Naturrecht und dem römischen Kodex Savignys Pandektenschule als alleinige Quellen für das Recht zu befreien. Deswegen kann Barreto – gegen alle traditionellen Interpretationen, die diese Leistung Augusto Teixeira de Freitas (1816-1883) gewähren – als Vater der brasilianischen Rechtswissenschaften bezeichnet werden.

Haeckels evolutionistische Ansätze und Jherings Rechtstheorie galten für ihn als Modelle einer wissenschaftlichen Auffassung und standen somit gegen alles, was das politische und intellektuelle Establishment repräsentierte: Romantik, Eklektizismus, Scholastik, Naturrecht und, selbstverständlich, der beinahe monopolisierende französische Einfluss auf die Hochkultur. Später selbst gegen dem Positivismus Comtescher Prägung, die sich wegen ihrer Autoritären Couleur bald von der politischen Elite salonfähig gemacht wurde, speziell unter den Militärs. Zudem wuchs Deutschland als Nation zum größten Gegner Frankreichs, auch im kulturellen Bereich. Barreto wusste diese Verfeindung auf der internationalen Bühne seiner Gunsten zu nutzen. Somit öffnete Barreto durch seine Rezeption die intellektuelle Landschaft Brasiliens für neue Quellen und Autoren. Es ist auch sein Verdienst, das brasilianische Rechtsdenken für die deutschsprachige wissenschaftliche Kultur zu öffnen.

Die Analyse von Barretos Schriften zeigt wie er sich solche Autoren mit dem Blick auf seine eigene kulturelle Umgebung und politische Konflikte an denen er verwickelt war, aneignete. Damit leistete er eine eigenständige und aktive Rezeption solcher Autoren. So verwendete er Haeckels evolutionistisches Gedankengut, um seine antiklerikalen Positionen gegen religiöse Sektoren zu untermauern. Das zeigt sich paradigmatisch durch seine Rolle als Regionalabgeordnete in Recife zwischen 1878-79. In seiner Diskurse zitierte er den Zoologen in seinen politischen Diskursen. Damit gegen die Argumente seiner Kontrahenten an, die damals davon behaupteten damals, Frauen seien für Hochschulstudien nicht geeignet und beriefen sich auf Messungen der Gehirnmasse. Barreto war er einer der ersten, der für das Recht der Frauen auf Hochschulausbildung in Brasilien kämpfte und reichte ein Projekt ein für die Aufstellung einer Hochschule für Frauen (der Partenogógio). Später wurde das Projekt archiviert wegen mangelnde politische Unterstützung und Barreto wurde nicht wiedergewählt. Für seine Vorstellungen war er aber eines der Ersten, der sich in Brasilien für die Gleichstellung von Männer und Frauen in der Bildung einsetzte. Es lohnt sich an dieser Stelle einen Teil seines Diskurses an dieser Stelle zu zitieren. Dort weist er auf die religiösen Vorstellungen auf, die hinter den Argumenten seiner Kontrahenten tatsächlich standen:

Unter uns, in den familiären Verhältnissen, herrscht immer noch das biblische Prinzip des weiblichen Gehorsams. Die Frau lebt immer noch unter der absoluten Macht des Mannes. Sie hat nicht, wie es sein sollte, das gleiche Recht wie ihr Mann, z. B. in der Erziehung der Kinder; sie beugt sich, wie eine Sklavin, dem herrschenden ehelichen Willen. Diese Verhältnisse, behaupte ich, sollten von einer sanfteren Weise reguliert werden, geeigneter zur Zivilisation.27

Die Rezeption von Haeckels Ideen durch Sílvio Romero stellt einen klaren Gegensatz zu Barretos Rezeption dar. Anders als sein Freund und Mitstreiter lernte Romero die deutsche Sprache nie wirklich. Eine ausführliche Analyse von Romeros Lektüren und Zitaten aus seinem Grundwerk A Philosophia no Brasil (1878) und aus seinem monumentalen História da Litteratura Brazileira (1888) zeigt, dass er an den Einfluss seiner französischen und positivistischen Prägung der Jugendzeit gebunden blieb.28 Später wurde er vor allem vom Sozialevolutionismus Herbert Spencers beeinflusst, den er auch auf Französisch las.29

Immerhin schöpfte er durch seine eigenständige Rezeption von Haeckels Evolutionismus, gepaart mit rassistischen Ansätzen aus den europäischen Debatten, eine kreative Theorie über die Besonderheit der brasilianischen Kultur: Diese sei grundsätzlich ein Produkt der Mischung von Kulturen und Rassen (mestiçagem), was aber als positiv betrachtet wurde. Diese Theorie war die Grundlage für die „Ideologie des branqueamento” (Aufhellung der Hautfarbe) sowie für spätere offizielle eugenische Maßnahmen, die sich anfangs des 20 Jahrhundert ausbreiteten. Auch der Mythos einer Rassendemokratie, vom berühmten Soziologen Gilberto Freyre, baute auf Romeros Theorien auf.30

4 Transatlantische Netzwerke und Wissenszirkulation: Das Beispiel Barretos deutschsprachigen Korrespondenten-Kreis

Das Lernen der deutschen Sprache erlaubte Barreto, seinen Netzwerk, vor allem mit deutschsprachigen Korrespondenten, deutlich zu erweitern. Er veröffentlichte auch Zeitschriften auf Deutsch. So überschritten seine Ideen die Grenzen des Nordostens Brasiliens und erreichten auch ein weiteres Publikum im Lande sowie in Deutschland. Vor allem im Süden wurden seine Ideen und Schriften innerhalb der starken deutschsprachigen Kolonien in Südbrasilien begeistert aufgenommen und verbreiteten. Dies ist hauptsächlich dem Engagement des Journalisten und Intellektuellen deutscher Herkunft Karl von Koseritz (1830-1890), zu verdanken.31 Als gut vernetzte Persönlichkeit und politisch aktiver Mensch innerhalb der deutschsprachigen Gemeinschaft Südbrasiliens vermittelte Koseritz Tobias Barretos Schaffen an einen weiteren Korrespondenten-Kreis und damit wurde der Mulatte aus Sergipe auch in Deutschland wahrgenommen. Sein Ruf als „Germanist” und Förderer der deutschen Kultur wuchs und wurde auch innerhalb eines politischen Rahmens in Deutschland politisch instrumentalisiert. Dort wurde Barreto nach einem Artikel in der Gartenlaube32 als „deutscher Kämpfer von Pernambuco” stilisiert.33 Dies geschah in einer Zeit, in der sich Deutschland mit seiner Kulturpolitik im imperialistischen Wettstreit durchzusetzen versuchte.34 Barreto wurde auch in diesem historischen Rahmen von sogenannten „Handelsgeographen” innerhalb der Leipziger „Verein für Handelsgeographie”.

Dass Haeckel von seiner Anhängerschaft in Brasilien, sowie von Barreto und Romero wusste, ist es ebenso der zentralen Vermittlerrolle von Koseritz zu verdanken. So soll sich der Zoologe aus Jena in einem Brief an Koseritz folgendermaßen geäußert haben:

Soweit ich es verstehe (denn ich bin kein Held im Portugiesischen), hat mich das kleine Buch des Dr. Sylvio Romero sehr interessiert, hauptsächlich in dem Theil welcher von Tobias B. de Menezes handelt, der mir zur Race der großen Denkern und der unermüdlichen Arbeiter zu gehören scheint.35

Die Frage, ob es Haeckel bewusst war, dass Barreto Mulatte war, bleibt offen. Barreto und Haeckels Netzwerk berühren sich in vielen Punkten, ohne dass beide jemals direkten Kontakte miteinander aufnahmen.

Ein weiterer wichtiger Korrespondent Barretos war der Naturforscher Fritz Müller (1822-1897). Er wanderte 1852 nach Brasilien aus und entwickelte dort seine Karriere als Lehrer und Naturforscher.36 Zwischen ihn, Charles Darwin und Haeckel entstand ein wahres Dreieck-Netzwerk, das die Entwicklung und Ausbreitung der Deszendenztheorie entscheidend prägte. Solche Wege zeigen, wie sehr die Wissenschaftsgeschichte von gegenseitigem Austausch, Aneignungen und transatlantische Wissenszirkulation geprägt wurde. Müller trug durch seine Recherchen mit Krustazeen an der südbrasilianischen Küste von Santa Catarina Wesentliches zur wissenschaftlichen Untermauerung der Deszendenztheorie bei.37 Deswegen soll ihn Darwin, der von Müllers Entdeckungen so begeistert war, später als „Prinz der Beobachter” bezeichnet haben. Beide Naturforscher unterhielten einen lebenslangen Korrespondenzaustausch. Weiterhin wurde Haeckel in sein frühes Werk weitgehend von Müllers Ansätzen beeinflusst. Hauptsächlich bei der Aufstellung seiner „Biogenetisches Grundgesetz” bezieht sich der deutsche Zoologe auf Müllers Verdienste.38

Auch der Jurist Rudolf von Jhering änderte allmählich seine Vorstellung von dem entlegenen und für ihn exotischem Land Brasilien durch die Begegnung mit seinen zwei brasilianischen Enkelkindern. Diese waren für ihn eine Quelle des Glücks waren aus Anlass seines 75 Geburtstags, als sein Lieblingssohn Hermann (1850-1930) mit der ganzen Familie aus Brasilien kam. Rudolf von Jherings ältester Sohn war 1880 ausgewandert und hatte sich dort eine erfolgreiche Karriere als Naturforscher und Museumsdirektor aufgebaut.39 Durch den Sohn Hermann, der auch eng mit Karl von Koseritz befreundet war und sich intensiv mit Fritz Müller sowie Haeckel austauschte, durfte der große Jurist von Barretos erster Übersetzung seines Werks ins Portugiesische erfahren. Diese Initiative wusste er auch später bei einer Neuauflage seines Werks zu schätzen und erwähnte den Beitrag Barretos als Beweis für die Bedeutung des Buches im Ausland. So äußerte sich der Jurist Jhering im Vorwort vom 22. August 1891 zur 8. Auflage seines Werkes Jurisprudenz des täglichen Lebens40 über die Bedeutung seines Werkes:

[...] ihr didaktischer Werth hat sich durch die inzwischen erschienenen neuen Auflagen und durch mehrere Übersetzungen (eine italienische von Vito Perugio, eine ungarische von Professor Biermann, eine griechische von Dr. Demaras, ein Auszug in portugiesischer Sprache in de Menezes, questões vigentes de philosophia e direito, Pernambuco, S. 161 fl.) bewährt.41

4.1 Kurze Endbetrachtungen zur Kulturgeschichte und zum Eurozentrismus

Die Kulturgeschichte als Disziplin fordert mit ihren Forschungen verankerte Vorstellungen von „Zentrum-Peripherie” heraus und verlangt die Relativierung von (euro)zentrischen Ansätzen. Die in dieser Arbeit betriebene Quellenanalyse weist damit auf die komplexe Verflochtenheit zwischen verschiedenen Regionen der Welt ebenso hin wie auf Menschen aus unterschiedlichen Hintergründen und ihren Austausch bei der Konstruktion von Wissen und kulturellen Identitäten.

5 Abschluss

In dieser Aufsatz spielten Konzepte wir „Wissenszirkulation” und „transatlantische Netzwerke” eine besondere Rolle. Als Schlussfolgerung wird es dazu hingewiesen, dass sich die üblichen Vorstellungen von „Zentrum” im Gegensatz zu „Peripherie” sich oft als unpräzise erweisen, wenn der Blick auf die konkreten historischen Akteure gerichtet wird. Es handelte sich hier tatsächlich um Prozesse der transnationalen Kulturzirkulation, die aber keineswegs nationale Besonderheiten oder ungleiche Machtverhältnissen ausschließen. Gerade das Beispiel der Rezeption Rudolf von Jherings und Ernst Haeckels durch Tobias Barreto und Sílvio Romero sowie Barretos Netzwerk zeigt, wie das angebliche Zentrum und die Peripherie, von gegenseitigen Beeinflussungen geprägt sind. Starrer Eurozentrismus findet somit in kulturellen Beziehungen keinen Platz.

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Revista Brasileira de Direito, Passo Fundo, vol. 13, n. 2, p. 410-426, Mai.-Ago. 2017 - ISSN 2238-0604

[Received: Jun. 21, 2017; Accepted: Aug. 01, 2017]
Gast Artikel / Artigo convidado

DOI: http://dx.doi.org/10.18256/2238-0604/revistadedireito.v13n2p410-426

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